Interessantes EHEC Das 1x1
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EHEC: Das 1x1 für die Praxis

Tomaten, Gurken, Sprossen - die Liste potentieller EHEC-Gemüse wird immer länger. Und damit auch die Warteschlangen besorgter Patienten. Wir haben die wichtigsten Punkte für den Umgang mit EHEC in der Praxis noch einmal zusammengefasst - inklusive Patientenmerkblatt zum Ausdrucken.

 

1. Screenen

Nicht jeder Durchfall ist durch EHEC bedingt. Bei blutigem Durchfall sollten jedoch die Alarmglocken klingeln. Von der aktuellen EHEC-Welle sind meist Frauen betroffen – hier kursiert die Hypothese, dass sie sich meist gesünder ernähren. Mehr Gemüse und mehr Rohkost soll das Risiko erhöhen. Kinder bzw. Männer gehören seltener zu den Patienten.

Die kürzlich veröffentlichte „S1-Leitlinie EHEC / HUS, Empfehlungen zu Diagnostik und Therapie“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) rät dazu, Durchfall-Patienten unbedingt auf folgende Kriterien hin zu untersuchen:

• Liegen Funktionsstörungen der Niere vor (Ödeme, Hämaturie)?
• Besteht Verdacht auf eine hämolytische Anämie (auffallende Blässe)?
• Könnte eine Thrombopenie bestehen (Petechien, Hämatome)?

Wenn der Durchfall von einem oder mehreren der oben genannten klinischen Zeichen begleitet wird, sollte nach Ansicht der Autoren eine sofortige stationäre Einweisung mit telefonischer Vorankündigung erfolgen. Bei hinreichendem klinischem Verdacht kann dabei auf das Labor verzichtet werden, um Zeit zu sparen. Lässt die Klinik keinen eindeutigen Schluss zu, können ein Blutbild (Fragmentozyten, Thrombos <150.000) und das Serumkreatinin die Verdachtsdiagnose weiter festigen. Zusätzlich sollte eine Stuhlprobe gesichert werden, um sie im Labor auf EHEC untersuchen zu lassen.

 

Kürzlich hat das Uniklinikum Münster (UKM) Protokolle zur Labordiagnostik des EHEC veröffentlicht. Die Molekularbiologen empfehlen eine Multiplex-PCR, also eine Polymerase-Kettenreaktion, um den aktuellen Stamm „O104:H4“ („HUSEC041“) von anderen verwandten Keimen abzugrenzen – angesichts der Vielzahl von Darmbakterien die genetische Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Das Verfahren hat es in sich: Enzyme bauen an einer Matrix aus bakteriellem Erbgut neue DNA auf. Theoretisch reicht dazu ein einzelnes Molekül aus, praktisch sind in Patientenproben aus Stuhlanreicherungen deutlich größere Mengen vorhanden. Nach jedem PCR-Zyklus verdoppelt sich die Menge des bakteriellen Erbguts. Bei der vorgestellten Multiplex-PCR werden vier relevante Gene vervielfältigt, die spezifisch für den aktuellen Ausbruch sind. Die Methode sei in den vergangenen Tagen mit Erfolg einer umfangreichen Prüfung unterzogen worden, so Professor Dr. Dr. h.c. Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene am UKM.

 

2. Nichts falsch machen

Die ambulante Therapie der EHEC-Enteritis ist rein symptomatisch bzw. supportiv. Die Mehrheit der Fälle verläuft glücklicherweise ohne schwerwiegende Komplikationen wie das hämolytisch-urämische Syndrom. Die Behandlung beschränkt sich im Wesentlichen auf ausreichenden Flüssigkeits- und Elektrolytersatz. Eine Antibiotikatherapie birgt die Gefahr der Befundverschlechterung, da durch sie vermehrt bakterielle Toxine freigesetzt werden können. Außerdem handelt es sich beim aktuellen Erreger um einen ESBL-Bildner, d.h. der Keim ist gegen viele gängige Antibiotika resistent. Antidiarrhoika wie Loperamid können die Symptomatik verschleiern, da sie die Darmmotilität herabsetzen und dadurch die Keimelimination verzögern. Darauf sollte man auch den Patienten hinweisen, damit er sich nicht selbst mit diesen Mitteln eindeckt. Zum Einsatz medizinischer Kohle, um im Darm befindliche Toxine zu binden, gibt es in der Fachwelt widersprüchliche Meinungen. Bei stark exsikkierten Patienten kann ein Flüssigkeitsersatz mit Elektrolytlösungen erfolgen, um den Patienten zu stabilisieren. Vorsicht: Bei eingeschränkter Nierenfunktion besteht die Gefahr der Überwässerung.

 

3. Melden

Bei allen Verdachtsfällen sowie nachgewiesenen EHEC-Infektionen müssen Kollegen eine Meldung an das zuständige Gesundheitsamt absetzen, sowohl beim Aufspüren des Giftstoffs Shigatoxin als auch bei der direkten Identifizierung der Bakterien. Entsprechende Regelungen lassen sich im Infektionsschutzgesetz (IfSG), § 6 (Meldepflichtige Krankheiten) sowie § 7 (Meldepflichtige Nachweise von Krankheitserregern) nachschlagen. Das Meldeformular kann hier heruntergeladen werden. Die Meldung erfolgt wie in den guten alten Zeiten per Fax - aus Datenschutzgründen verweigern die meisten Gesundheitsämter die Meldung per eMail. Von verschlüsselter eMail scheint man dort noch nichts gehört zu haben. Wichtig: Für Personen, die Lebensmittel herstellen oder weiterverarbeiten, ist ihr Job dann erst einmal tabu (IfSG, § 42 Tätigkeits- und Beschäftigungsverbote). Das gilt auch bei Tätigkeiten in Gemeinschaftsunterkünften (IfSG, § 34, Absatz 1, Gesundheitliche Anforderungen).

 

4. Desinfizieren

Seit EHEC kommt der Hygiene in der hausärztlichen Praxis eine besondere Bedeutung zu. Für eine Infektion reichen nämlich schon weniger als 100 dieser Keime aus. Mikrobiologen raten, Standard-Regeln beim Kontakt mit potenziell Infizierten einzuhalten:

Hände vor und nach jedem Patientenkontakt desinfizieren.

Möglicherweise kontaminierte Flächen sollten ebenfalls behandelt werden, etwa bei der Arbeit mit Blut- oder Stuhlproben im praxiseigenen Labor.

Auch an Gerätschaften wie das allgegenwärtige Stethoskop ist zu denken.

Das Robert Koch-Institut hat dazu Listen mit geprüften Desinfektionsmitteln veröffentlicht.

Beim Umgang mit möglicherweise infiziertem Material sind Schutzkittel und Einmalhandschuhe zu tragen.

 

5. Aufklären

Bei EHEC-Patienten sind auch während der Rekonvaleszenz andere Familienmitglieder besonders gefährdet: Mit einer Ausscheidung der Erreger über den Stuhl muss selbst bei Symptomfreiheit noch vier Wochen lang gerechnet werden. Ärzte sollten den Betroffenen Empfehlungen zur Desinfektion der Hände und der so genannten Handkontaktflächen, also Türklinken, Wasserhähne, WC-Spülknöpfe oder ähnliche, mit auf den Weg geben. Auch Geschirr und Besteck müssen in der Spülmaschine bei mehr als 60 Grad gereinigt werden. Eine Wäsche bei diesen Temperaturen ist erforderlich, sollten Kleidungsstücke oder sonstige Gegenstände mit Stuhl oder Erbrochenem in Berührung gekommen sein.

 

Mit diesen Tipps und einem offenen Ohr für berechtigte oder übertriebene Sorgen lässt sich die Arzt-Patient-Bindung stärken und Panik vermeiden. Und dass die Zusammenarbeit mit Kliniken selbst in Extremsituationen gut funktioniert, haben die letzten Wochen gezeigt. „Die Hausärzte leisten bei der Versorgung von EHEC-Patienten Beeindruckendes“, so Professor Dr. Ulrich Kunzendorf, Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten am Uniklinikum Kiel.

 

 

von Dipl.-Chem. Michael van den Heuvel,  07.06.2011

 
 
 
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