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Homöopathie: Spaßattacke auf die Verdünner

 

Unter dem Motto „10 hoch 23“ haben Kritiker der Homöopathie in zahlreichen Ländern der Erde homöopathische Arzneimittel und andere stark verdünnte Dinge in sich hinein gekippt und dieses Happening dokumentiert. Die weltweit angelegte Aktion führte zu teils skurrilen Reaktionen.


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Zehn hoch dreiundzwanzig, das ist die Avogadro-Zahl, die Zahl der Moleküle, die in einem Mol einer beliebigen Substanz enthalten sind. Wenn ein Milliliter einer einmolaren Lösung mit diesem Faktor verdünnt wird, dann ist in einem Milliliter der neuen Lösung statistisch gesehen jeweils nur noch ein einziges Molekül der Ausgangssubstanz. Wird die auf diese Weise erzeugte Lösung um einige Zehnerpotenzen weiter verdünnt, dann geht die Wahrscheinlichkeit, dass bei der Entnahme eines Milliliters Flüssigkeit überhaupt noch irgendein Molekül der Ausgangssubstanz enthalten ist, gegen Null.
 

Zapfenstreich um zehn Uhr dreiundzwanzig

Diese Überlegungen waren der Grund, warum sich am Samstag, den 5. Februar, rund 40 Aktivisten der Skeptiker-Vereinigung GWUP am Brandenburger Tor in Berlin versammelt haben und dort, ausgestattet mit entsprechenden T-Shirts, um exakt 10 Uhr 23 gläserweise homöopathische Arzneimittel konsumierten. Das Brandenburger Tor in Berlin war nicht der einzige Schauplatz dieses Ereignisses. Ähnliche Szenen spielten sich in Hamburg, Essen, Köln, München, Wien und Zürich ab. Zeitversetzte Aktionen gab es auch in zahlreichen anderen Ländern. „Die Idee stammt ursprünglich aus England, wo ‚10 hoch 23‘ im vergangenen Jahr zum ersten Mal stattfand. In diesem Jahr hat sich das dann ausgebreitet. Sogar ein Mitarbeiter der Forschungsstation in der Antarktis hat sich beteiligt“, sagt Dr. Angela Andersen, Sprecherin der GWUP-Regionalgruppe Berlin. Die GWUP, die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V., ist ein gemeinnütziger Verein von Wissenschaftlern aller Fachrichtungen, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, parawissenschaftlichen Phänomenen rational zu Leibe zu rücken und sie auf ihre wissenschaftliche Stichhaltigkeit hin zu überprüfen. „Die Homöopathie ist eines von vielen Themen, mit denen wir uns kritisch auseinandersetzen, und zwar in Form von Artikeln, von Veranstaltungen oder eben von Aktionen wie ‚10 hoch 23‘“, so Andersen.

„Ich lache mich darüber kaputt“

Konkret lief das beispielsweise in Berlin so ab: Die Aktivisten gingen in die Apotheken und erwarben dort unterschiedliche homöopathische Arzneimittel in größeren Mengen. „Die haben wir dann alle gleichzeitig zu uns genommen und das Ganze dokumentiert. Ziel war es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das eben keine Medikamente sind, deren Wirksamkeit nach anerkannten pharmazeutischen Standards überprüft wurde, sondern Mittelchen, in denen außer Zucker nichts drin ist“, unterstreicht Andersen. Natürlich wurde im Nachhinein eine Surveillance-Periode eingeplant: „Wir waren anschließend noch im Restaurant. Es hat wirklich niemand irgendwelche Wirkungen oder Nebenwirkungen verspürt“, so Andersen.
Das Brandenburger Tor als Kulisse war dabei gut für die Bilder und Videos, die weltweit unter anderem über youtube verbreitet werden. „Passanten kamen Samstagfrüh allerdings nicht so viele vorbei“, bedauert Andersen. In Köln, wo sich unter anderem der bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke an der Aktion beteiligte, war etwas mehr los: „Wir hatten Kontakt zu mehreren Homöopathiefans und haben die dann auch mit in ein Café genommen, um zu diskutieren. Da kam allerdings nicht viel bei rum“, so Benecke im Gespräch mit DocCheck. Auch in Berlin waren einige wenige Homöopathiefans vor Ort, die die Aktion sogar auf Videos dokumentiert haben, um sie anschließend bei youtube und im Blog des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) zu veröffentlichen. Durch Kommentare im Off sind die Videos teilweise unfreiwillig komisch. So entspinnt sich bei diesem Video im Hintergrund folgender Dialog:

Passant: „Jetzt wollen wir mal sehen, wie die die Kugeln schlucken.“

Homöopathiefan: „Es gibt eine Stellungnahme der Carstens-Stiftung dazu. Und das Interessante ist, dass im Moment geprüft wird, ob das nicht ein Rechtsverstoß ist, was die hier machen.“

Passant: „Kugeln schlucken?“

Homöopathiefan: „Das sind zugelassene Arzneimittel, und die gehen einfach hin und halten Leute dazu an, Arzneimittel zu schlucken.“

Passant: „Ich lache mich darüber kaputt.“

Homöopathiefan: „Was die im Moment prüfen ist, ob das nicht den formalen Kriterien einer Prüfung unterliegt und damit erst eine wissenschaftliche und ethische Zulassung braucht und ob das nicht ein Rechtsbruch ist.“

Die Stellungnahme der Carstens-Stiftung, auf die in dem Dialog angespielt wird, ist online verfügbar. Sie bezieht sich auf eine schwammige Äußerung des BfArM, bei der leider nicht angegeben wird, wie sie zustande gekommen ist. Im Pressebereich der Carstens-Stiftung zur ‚10 hoch 23‘-Aktion wird unter anderem auf eine laufende Studie der Charité mit 30 Patienten verwiesen. Eine gerade aktuell abgeschlossene Negativstudie, die in der Zeitschrift Rheumatology publiziert wurde, bleibt unerwähnt.

BAH sieht Vorurteile am Werk

Kritik an der Aktion kam nicht nur unmittelbar von homöopathischer Seite, sondern auch von Seiten jener Organisationen, die der Homöopathie aus kommerziellen Gründen nahestehen. So hat der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) eine Stellungnahme veröffentlicht, in der die Aktion als "Desinformation" bezeichnet wird. Im BAH sind zahlreiche Unternehmen aus dem alternativmedizinischen Umfeld organisiert. Der BAH stützt sich dabei wesentlich auf das Argument, dass klinische Studien der Homöopathie nicht gerecht würden. Dass die Alternative, eine Einzelfallanalyse, der medizinischen Willkür Tür und Tor öffnet, wird nicht weiter erörtert. Gründe dafür, warum die Homöopathie nicht in klinischen Studien überprüfbar sein soll, werden auch nicht genannt.


Drastische Maßnahme für drastische Botschaft

Die Homöopathie-Kritiker, die an den zahlreichen ‚10 hoch 23‘-Aktionen teilgenommen haben, können diese Argumente ohnehin nicht mehr hören. „Man kommt in Diskussionen mit Homöopathiefans nach spätestens drei bis vier Sätzen an den Punkt, an dem gesagt wird, man müsse eben dran glauben. Hier kann man dann nicht mehr weiter diskutieren. Eine sachliche Diskussion ist an dieser Stelle nicht mehr möglich“, so Benecke. „Homöopathie ist überteuerter Zucker beziehungsweise Alkohol. Die Grundprinzipien sind wissenschaftlich nicht haltbar, und die besseren klinischen Studien, die es zu dem Thema gibt, sind alle negativ. Mehr kann man dazu eigentlich nicht sagen.“

Um zu illustrieren, was eine homöopathische Verdünnung ist, hat Benecke übrigens in Köln eine besonders drastische Demonstration unternommen. Er hat um den Faktor zehn hoch dreißig verdünnten Hundekot eingenommen. Zehn hoch dreißig ist eine in der Homöopathie gängige so genannte Potenzierung. „Die Hoffnung ist einfach, dass wir den einen oder anderen dazu veranlassen, nachzudenken, wofür er da Geld ausgibt: Für Mittelchen, in denen einfach nichts drin ist.“


von Philipp Graetzel,  14.02.2011

 
 
 
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