Homöopathie Trug der sanften Medizin
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Trug der sanften Medizin

 

Falsche Toleranz ebnet Sektierern den Weg. Ein Warnruf

Die Wissenschaft in der Medizin wird von verschiedener Seite geringgeschätzt.

Zu den übelsten Verleumdungen gehört die Gegenüberstellung von "wissenschaftlicher" und "menschlicher" Medizin, die von vielen Alternativmedizinern konstruiert wird.

Im Gegensatz zu verbreiteten Vorstellungen wird eine gute, menschliche Medizin nur durch die Wissenschaft in ihr sichergestellt. Unwissenschaftlichkeit ist dagegen der Boden der Inhumanität.

Es gibt ein Kriterium des wissenschaftlichen Fortschritts, nämlich die Bereitschaft zur ständigen kritischen Überprüfung und gegebenenfalls Verwerfung der Hypothesen. Wenn alles Wissen nur Vermutungswissen ist, dann gilt dies auch für die Medizin. Uns fallen leicht Beispiele von vermeintlich gesichertem Wissen in der Medizin ein, das durch neue Methoden oder vorurteilsfreie Überprüfung widerlegt wurde.

Aristoteles' Behauptung, daß die Frau weniger Zähne als der Mann habe, war fast zwei Jahrtausende lang gültig, weil man der berühmten Autorität glaubte und nicht zweifelte. Durch Zählen läßt sich feststellen, daß diesbezüglich kein Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht. Dagegen ist die Aussage "Ich habe erlebt, daß dieses Medikament hilft, daß es also wirksam ist" nicht widerlegbar.

Eine solche Aussage ist deshalb ohne wissenschaftliche Tiefe, und eine daraus abgeleitete Verallgemeinerung ist unwissenschaftlich.

Keinesfalls darf die Wissenschaft in der Medizin nur als Naturwissenschaft verstanden werden. Die falsche Gleichsetzung von Medizin und Naturwissenschaft macht es jedoch ihren Gegnern leicht, sie zu diskriminieren und die unwissenschaftliche Medizin zu rechtfertigen.

Neben der überprüfbaren Heilkunde, wie sie an den Hochschulen gelehrt wird, gibt es eine Vielzahl diagnostischer und therapeutischer Verfahren, die früher als "Kurpfuscherei" galten, heute vornehmer "Alternativmedizin" oder ganz modern "Komplementärmedizin" heißen.

Hier verwende ich den Begriff Paramedizin für alle nichtwissenschaftlichen Verfahren wie Zellular-, Ozon- oder Chelattherapie, Symbioselenkung, Magnetfeld-, Sauerstoff-Mehrschritt- und Bioresonanztherapie, Bach-Blütentherapie sowie Homöopathie und anthroposophische Medizin.

Nicht weniger vielfältig sind die diagnostischen Verfahren wie Iris-, Zungen- oder Ohrmuscheldiagnostik, die Elektroakupunktur nach Voll in verschiedenen Varianten, die Anthroposkopie, die Thermoregulationsdiagnostik, der Kristallisationstest, der kapillardynamische oder der holistische Bluttest bis hin zu Detektoren für Erdstrahlen.

All diesen Verfahren ist gemeinsam, daß sie weder überprüfbare diagnostische Ergebnisse liefern noch überprüfbare therapeutische Wirksamkeit besitzen. Die Phytotherapie, Homöopathie und Anthroposophie nehmen eine Sonderstellung ein. Die beiden letzteren unterscheiden sich nicht prinzipiell in ihrer Qualität von anderen paramedizinischen Verfahren. Sie haben aber die Ehre, gemeinsam mit der Phytotherapie im Arzneimittelgesetz als "besondere Therapierichtungen" genannt und bevorzugt behandelt zu werden. Im Gegensatz zu anderen Medikamenten bedürfen die Therapeutika dieser Verfahren keiner Zulassung mit Wirksamkeitsnachweis, zur Registrierung genügt einfaches Erkenntnismaterial nach der Art "Wir haben nur Gutes gesehen".

Bei der Phytotherapie fällt es etwas schwerer, sie der Paramedizin zuzuordnen, ist sie doch die Mutter der heutigen Pharmakotherapie.

Sie wurde aber durch besondere Glaubenssätze in die Nähe zur Paramedizin gerückt. Es kann nicht genug betont werden, welch großer medizinischer Fortschritt im Wandel vom Naturprodukt zum definierten medizinischen Präparat liegt, auch wenn das eigentliche Wirkprinzip bereits im Naturprodukt vorhanden war. Warum also mehrere Schritte zurückgehen und wieder Phytotherapie betreiben? Vor allem, weil man eine Berechtigung sucht, auf übliche Prüfungen der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit verzichten zu dürfen. Man schürt den Glauben, pflanzliche Substanzen seien immer gut, grenzt sich von der harten, angstbesetzten Chemie ab und nascht von der sanften "Apotheke Gottes". Doch diese Vorstellung ist falsch. Der Anteil schädlicher und möglicher krebserzeugender Substanzen unter den pflanzlichen Inhaltsstoffen ist nicht geringer als unter synthetischen Chemikalien.

Noch eindeutiger ist die Situation bei der Homöopathie. Für deren gläubige Anhänger existiert eine Art Bibel der reinen Lehre: Samuel Hahnemanns "Organon". Sie haben es geschafft, den Eindruck zu wecken, hier sei eine ernsthafte Alternative zur Medizin zu finden.

Weder der bekannte Ähnlichkeitssatz noch die Potenzierung durch extremes Verdünnen sind wissenschaftlich belegt. Erfolgsberichte über homöopathische Heilungen betreffen nie größere Patientengruppen mit bestimmten Krankheiten, sondern bestehen aus einzelnen Fallbeschreibungen.

Diese entziehen sich aber der Falsifikationsmöglichkeit. Sie gelten prinzipiell als wahr. Bei der dritten staatlich privilegierten paramedizinischen Therapieform, der Anthroposophie, nimmt Rudolf Steiner ungefähr die gleiche Stellung ein wie Hahnemann bei den Homöopathen. Es handelt sich um ein Lehrgebäude mit einer Mischung verschiedener anderer Therapieverfahren und eigenständiger Ideen von Steiner. So finden sich Züge der Phytotherapie, etwa bei der Anwendung von Mistelextrakten, es werden aber auch anorganische Stoffe angewendet wie Quecksilber und Blei in zum Teil erschreckend hohen Dosierungen.

Auch bei den paramedizinischen Diagnoseverfahren gibt es keine systematischen Untersuchungen über die Richtigkeit der Hypothesen, die ihnen zugrunde liegen. Warum aber haben sich solche oft völlig unplausiblen Methoden derartig verbreitet? Die Methoden sind meistens so ausgelegt, daß sich die Erwartungen immer erfüllen. Die diagnostizierenden Ärzte fühlen sich, da externe Qualitätsmerkmale fehlen, immer wieder selbst bestätigt.

Wer die große Verbreitung der Paramedizin verstehen will, muß sich auch daran erinnern, in welcher Zeit sie in Deutschland hoffähig wurde. Staatliche Anerkennung erfuhren Kurpfuscher und Außenseiter in der Zeit des Nationalsozialismus. Der Reichsärzteführer Dr.

Wagner hatte die "Neue deutsche Heilkunde" begründet, die sich an der Pseudophilosophie von Blut und Boden ausrichtete. Rudolf Heß hat bereits 1933 geschrieben, daß im Interesse der Volksgesundheit die Naturheilkunde einen ihr gebührenden Rang erhalten solle und daß sich Schulmedizin und Naturheilkunde befruchtend ergänzen müßten. Der Widerstand einiger Mediziner gegen das geplante Heilpraktikergesetz wurde als reaktionäre und staatsfeindliche Äußerung aus "gewissen Hochschulkreisen" bezeichnet.

Dieses traurige Kapitel betrifft leider auch unsere Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin. Wir müssen diese Phase unserer eigenen Vergangenheit zur Kenntnis nehmen, als der Geist der Unwissenschaftlichkeit akzeptiert wurde. Im Jahre 1936 begrüßte der Vorsitzende unserer Gesellschaft die Reichsarbeitsgemeinschaft für eine neue deutsche Heilkunde. Es sei eine Zeit neuen wissenschaftlichen Denkens in der Medizin angebrochen. Dies alles geschehe unter dem Einfluß des nationalen Umbruchs. Die bis dahin praktizierte Medizin weise in Diagnostik und Therapie eine gewisse "Volksentfremdung" auf.

Zurück zur Gegenwart: Die paramedizinischen Verfahren operieren gemeinsam mit falschen Begriffen, etwa indem sie die eigentliche Medizin als "Schulmedizin" bezeichnen. Der Begriff wurde bereits vor 200 Jahren von Hahnemann verwandt, um die etablierte Medizin abzuqualifizieren - übrigens nicht ganz zu Unrecht. Schule war als starres System gemeint, akademisch verkrustet und weit weg von der Wirklichkeit des kranken Menschen. Auf diese Weise gelingt es leicht, die wissenschaftliche Medizin als ideologisch geprägt herabzusetzen und verächtlich zu machen. Der Begriff Schulmedizin besagt allerdings genau das Gegenteil von dem, worum es der wissenschaftlichen Medizin geht, die ja gerade kein geschlossenes System vertritt, sondern sich stets selbst in Frage stellt.

Der Begriff "Alternativmedizin" hingegen suggeriert, es bestünde tatsächlich eine Alternative. Diese besteht aber nur im erklärten Verzicht auf wissenschaftliche Methodik und alle gültigen Qualitätsstandards.

Positives soll auch der Begriff "Naturheilkunde" suggerieren.

Doch die Verwendung des Wortes Natur dient allein zur Durchsetzung besonderer Rechte, etwa in der Arzneimittelzulassung. In Wirklichkeit handelt es sich um einen inhaltsleeren Begriff, der auf die gesamte Paramedizin erweitert wird. Dabei wird übersehen, daß gerade viele paramedizinische Verfahren in hohem Maße "künstlich" und zum Teil technisch sehr aufwendig sind, sich also weit von der Natur entfernt haben. Allerdings ziehen komplexe Pseudovorrichtungen die Faszination der Technik für den gewünschten Erfolg heran. Begrifflich unscharf und instrumentalisiert sind auch Bezeichnungen wie "sanfte" oder "humanistische Medizin".

Die Grenzen zwischen Medizin und Paramedizin sind für Laien oft schwierig zu erkennen. Um so mehr müssen wir uns bemühen, die Grenzen klar zu markieren. Ein leicht erkennbares Merkmal der Paramedizin ist beispielsweise die Nennung sehr unspezifischer Wirkungen mit Listen möglichst breiter Indikationen. Für die sogenannte hämatogene Oxidationstherapie wurden aus verschiedenen Mitteilungen 62 Indikationen zusammengestellt, die von Gefäßverschlüssen an der Netzhaut über Säuremangel des Magens, Diabetes, Hepatitis und Nierensteine bis zu Wundheilungsstörungen reichen. Ein anderes Merkmal sind die weichen Formulierungen in Therapieberichten, die überwiegend auf Fallbeispielen oder rückblickenden Studien beruhen, oder auch das Fehlen kritischer Distanz, das Übermaß an Enthusiasmus und Spekulation. Zweifel werden häufig als Verleumdung empfunden. Viele paramedizinische Verfahren sind Teil eines geschlossenen Lehrgebäudes oder gar Weltbildes. Nicht selten beruft man sich auf uralte Kulturen oder auf einen charismatischen Begründer der Lehre, der so sehr verehrt wird, daß Veränderungen am Lehrgebäude tabu sind.

Die kampflose Hinnahme der falschen Begriffe, etwa der immer wieder eingehämmerten Gleichsetzung von Naturheilmitteln mit sanfter und risikoarmer Medizin, zeigt bereits Folgen. Als der Bundesgesundheitsminister vor dem Bundestag die Ablehnung der Positivliste begründen wollte, erklärte er, der Verzicht auf die Präparate mit nicht vorhandener oder umstrittener Wirksamkeit führe dazu, daß die "sanfte Medizin durch chemisch harte Medizin" ersetzt würde. Nicht nachgewiesene Wirksamkeit wird einfach mit "sanft", nachgewiesene mit "chemisch hart" gleichgesetzt.

Aus vielerlei Gründen dürfen wir Mißbrauch und Mißachtung der Wissenschaft nicht widerspruchslos hinnehmen. Hierzu hat sich Karl Jaspers anläßlich der ersten Rektoratswahl in Heidelberg nach dem Kriege im Jahre 1945 geäußert. Der Einbruch des Nationalsozialismus in die Medizin hätte nicht stattfinden können, wären die beiden Pfeiler Wissenschaft und Humanität fest gewesen. Der bereits vorher aufgeblühte Geist der Unwissenschaftlichkeit habe dem Nationalsozialismus die Tore geöffnet. Wissenschaftlichkeit und Humanität seien unlösbar verbunden, Unwissenschaftlichkeit sei der Boden der Inhumanität.

Die Gewöhnung an Mißbrauch und Mißachtung der Wissenschaft ist heute keineswegs geringer als vor und während der NS-Zeit. So setzte sich Karl Jaspers im Jahre 1950 auch kritisch mit der Psychoanalyse auseinander. Die Psychosomatik ließ an der Deutung über Pathogenese und Therapie vieler Erkrankungen keine Zweifel aufkommen. Immer wieder wurde das Ulcus, das Magengeschwür, genannt, und apodiktisch wurden gemeinsame Charaktereigenschaften allen Ulcuskranken zugeschrieben.

Victor von Weizsäcker behauptete damals, daß Eheprobleme und andere Konflikte "zur Pathogenese des Ulkus gehören wie das Wasser zum Blut und das Eiweiß zur Zelle". Die psychosomatische Forschung solle sich von den fragwürdigen Methoden statistisch nachgewiesener Erfolge fernhalten und statt dessen in der "anthropologischen Verantwortung" bleiben. Die psychosomatische Heilkunde wetteifere mit der "institutionell gewordenen Schulmedizin". In Vorwegnahme dessen, was heute "Binnenanerkennung" genannt wird, hat von Weizsäcker der Medizin das Recht bestritten, die Erfolge und Heilmethoden der Psychotherapie zu beurteilen: "Die psychosomatische Medizin kritisiert sich selbst." Jaspers staunte damals über das Maß der Anerkennung dieser Thesen, über "die Vorsicht, als ob was dran sein könne, die Sorge, durch radikale Verwerfung von Unwissenschaft sich zu blamieren".

Setzen wir hier anstelle von Psychoanalyse einmal Homöopathie oder Anthroposophie, dann wird die Analogie unübersehbar. Man könnte sich ja blamieren, wenn man die Homöopathie als unwissenschaftlich radikal verwirft. Wie viele haben den Mut, deutlich und öffentlich zu sagen, daß an dem Lehrgebäude der Homöopathie nichts wissenschaftlich überprüfbar ist? Die unheilvolle Gewöhnung an die Mißachtung der Wissenschaft ist viel bequemer.

Es gibt ein Gutachten, das die Erstattungspflicht von Leistungen "besonderer Therapierichtungen" für die gesetzliche Krankenversicherung untersuchte und meint, der Begriff der "allgemein anerkannten Regeln" habe sich jeweils nur auf die einschlägigen Fachkreise zu beziehen. Auf diese "Binnenanerkennung" berufen sich immer mehr Sozialgerichte in ihren Urteilen. Das Bundessozialgericht hat in einem Urteil ausgeführt, "der maßgebende allgemeine Standard" könne "nur ,therapieimmanent` ermittelt werden. Als Maßstab ist sowohl der Denkansatz der Schulmedizin als auch der der ,besonderen Therapierichtungen` heranzuziehen." Dabei komme es "nicht darauf an, ob deren Denkansatz richtig oder falsch sei. Behandlungsmethoden der ,besonderen Therapierichtungen` sind daher vom Leistungsspektrum der gesetzlichen Krankenkassen dann nicht ausgeschlossen, wenn sie innerhalb der jeweiligen Therapierichtung anerkannt sind."

Hier müßte ein Aufschrei durch die Wissenschaft gehen: Innerhalb der Medizin muß sich doch jedes Verfahren der Anerkennung sämtlicher anderer Gebiete erfreuen. Wer würde es denn akzeptieren, daß die Hormontherapie nur von Endokrinologen anerkannt wird? Dieser Anspruch auf "Binnenanerkennung", der eine Überprüfbarkeit durch Nichtbeteiligte ausschließt, ist der endgültige Beweis der Nichtwissenschaftlichkeit.

So kann sich jedes medizinische Sektierertum frei entfalten.

Viele Fehlentwicklungen auch in der modernen Medizin sind mit einer solch falschen Toleranz von Unwissenschaftlichkeit zu erklären.

So wird bei den Zielen und Inhalten klinischer Forschung häufig die Frage vermißt, welche Diagnose- oder Therapieverfahren tatsächlich dem Patienten nützen. Klinische Forschung, die diesen Zielen dient, steht leider nach wie vor in geringerem Ansehen als die Grundlagenforschung.

Bisher sind kaum Methoden entwickelt worden, mit denen die Wirksamkeit von Suggestivverfahren oder anderen Therapieansätzen für Befindlichkeitsstörungen wissenschaftlich überprüft werden kann. Ferner drängt sich der Eindruck auf, daß die Schamschwelle, auch schlechte Arbeiten zu publizieren, sowohl bei Autoren als auch bei Herausgebern von Zeitschriften absinkt. Für den Wissenschaftler stellt es keinen Makel und kein Karrierehemmnis dar, auch schlechte Arbeiten veröffentlicht zu haben. Ein weiteres Problem liegt in der ausgeprägten Ungeduld vieler Wissenschaftler, die leicht zur Mißachtung wichtiger Tugenden führen kann. Wissenschaft braucht zur kritischen Prüfung und Erfahrung Zeit, mehr, als es vielen Heißspornen gefällt. Hinzu kommen Grenzüberschreitungen der Pharmaindustrie bei ihrer Werbung. Natürlich kann niemand der Pharmaindustrie das Recht zur Werbung absprechen und den Wert einer guten Zusammenarbeit von Pharmaindustrie und medizinischer Wissenschaft in Frage stellen. Inwieweit aber die fast vollständige Abhängigkeit ärztlicher Fortbildung von der Pharmaindustrie die wissenschaftlichen Tugenden behindert, mag jeder selbst beantworten.

Und wie leicht wird doch die Wissenschaftlichkeit im ärztlichen Alltag durch den häufig beklagten ökonomischen Druck bedroht.

Eine ganz andere Bedrohung der wissenschaftlichen Denkweise in der Medizin entsteht aus der modischen Sucht nach "Konsens". Der Soziologe Karl Otto Hondrich hat über die potentielle Wissenschaftsfeindlichkeit gesellschaftlicher Konsense geschrieben. Auch in der Medizin können bestimmte Konsense den Fortschritt behindern. Beispielhaft sei genannt: "Sport fördert die Gesundheit", "Übergewicht ist schädlich", "Screeningprogramme retten Leben" oder auch: "Möglichst umfangreiche und möglichst schnelle Informationen sind immer vorteilhaft".

Wissenschaftliche Äußerungen, die einem dieser Konsense zuwiderlaufen, werden nicht selten mit einem Bann belegt.

Die Erkenntnis über die Fehlbarkeit und Vorläufigkeit unseres Wissens muß zu einer intellektuellen Bescheidenheit führen. Sie schließt ein dogmatisches Denken aus. Einen unheilvollen Hang zum Dogmatismus finden wir sehr ausgeprägt im Bereich der nichtwissenschaftlichen Medizin, aber auch innerhalb des eigentlichen Medizinbetriebes.

Allerdings kann es keine Toleranz gegenüber dem Geist der Unwissenschaftlichkeit in der Medizin geben. Dies heißt nicht notwendigerweise, daß es keine Toleranz gegenüber der Anwendung paramedizinischer Verfahren geben könnte, insbesondere in Fällen, bei denen die wissenschaftliche Medizin keine angemessene Hilfe bietet.

Wie steht es aber mit den Heilerfolgen, über die immer wieder so überzeugend berichtet wird? Die meisten dieser Erfolgsberichte halten einer Nachprüfung nicht stand. Das wichtigste Phänomen, mit dem auch die moderne Medizin die Erfolge paramedizinischer Therapieverfahren erklären kann, ist der Placeboeffekt. In der Arzneimittelforschung ist er vermutlich der am gründlichsten untersuchte Effekt überhaupt. Der gutausgebildete Arzt nutzt insbesondere bei Störungen der Befindlichkeit gerne den Placeboeffekt aus, indem er den Patienten vom Segen seiner Therapie überzeugt. Hierfür käme auch ein Homöopathikum in Frage. Würde so die überflüssige Gabe eines risikobehafteten Medikamentes vermieden, könnte sogar Gutes getan werden.

Doch die Anwendung eines Placebos sollte nicht als Anerkennung einer Paramedizin verstanden werden. Der Arzt handelt in solchen Fällen auf einer anderen Ebene. Eine gewisse Analogie bietet die Religion. Ist ein Patient davon überzeugt, Glaube und Gebet hülfen beim Überwinden der Krankheit, dann wird kein guter Arzt, auch kein eingefleischter Agnostiker, ihn vom Beten abhalten. Er muß allerdings darauf achten, daß keine wichtige andere Therapie wegen dieser Hoffnung unterbleibt. Da wir vom Gebet aber nur die subjektive Hilfe für den Gläubigen erwarten, werden wir dessen Wirksamkeit auch nicht im Doppelblindversuch überprüfen wollen, und wir können es gut hinnehmen, daß die meisten Glaubensaussagen wissenschaftlich nicht überprüfbar sind. In der Tat stellt die Paramedizin oft eine Art Ersatzreligion dar, und statt Paramedizin wäre Glaubensmedizin ein durchaus passender Begriff.

Wer das Bedürfnis verspürt, mag die Glaubensmedizin nutzen. Diese Toleranz gilt aber nicht für potentiell schädliche Verfahren und nicht für die Anwendung bei eigentlich behandlungsbedürftigen Erkrankungen. Sie gilt auch nicht für diagnostische Verfahren, bei denen es für die damit verbundene Täuschung keine Rechtfertigung gibt. Paramedizinische Diagnose- und Therapieverfahren sollten damit grundsätzlich keine Angelegenheit der Sozialversicherungen sein. So wie wir zwischen Medizin und Religion klare Grenzen kennen, so sollten sie auch zwischen Medizin und Glaubensmedizin gelten.

Johannes Köbberling ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Der Text ist ein Auszug aus seiner Eröffnungsrede zum Jahreskongreß der DGIM, der Anfang April in Wiesbaden stattfand.

Von Johannes Koebberling

Quelle DIE ZEIT, 18/1997

 
 
 
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