Homöopathie Heilkraft aus dem Nichts
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Heilkraft aus dem Nichts

 

Über keine Behandlungsmethode streiten Patienten und Mediziner so sehr wie über die Homöopathie. Studien zeigen: Die Heilmethode wirkt – aber anders, als viele glauben. Sollen Ärzte das Potenzial der Homöopathie wirklich nutzen?

In manchen Fällen wirken homöopathische Mittel – doch der wissenschaftliche Nachweis ist schwierig

Eine Überdosis Arsen? Mehrere Hundert Briten meldeten sich freiwillig. Am 30. Januar dieses Jahres schluckten sie jeweils 84 kleine Pillen des Mittels Arsenicum album. Sie lächelten vergnügt in die Fernsehkameras, und – niemand verstarb. Denn Arsenicum album enthält praktisch nur Zucker und ist ungiftig, egal ob man ein, zwei oder zweihundert der sogenannten Globuli schluckt.

Solche Kügelchen gehören zur beliebtesten Behandlungsmethode der Alternativmedizin: der Homöopathie. Die britischen Aktivisten wollten aber nicht etwa öffentlich demonstrieren, dass die Homöopathie frei von Nebenwirkungen ist. Sie wollten zeigen, dass die Methode überhaupt keine Wirkung hat. »There’s nothing in it« hieß die Aktion, es ist gar nichts drin. Tatsächlich sind die meisten homöopathischen Mittel so stark verdünnt, dass die Wirkstoffe darin nicht mehr enthalten sind.

Keine alternativmedizinische Methode entzweit die Menschen so sehr wie die Homöopathie. Mit dem Thema kann man Partys verderben und Freundschaften aufs Spiel setzen. Die gute Nachricht: Es gibt Anzeichen für eine Annäherung. Klassische Ärzte beginnen Globuli zu verschreiben, Homöopathen lösen sich vom Dogmatismus. Wer verstehen will, warum, muss noch einmal die Grundfragen stellen: Wirkt die Homöopathie? Wenn ja, wie wirkt sie? Und gibt es Risiken und Nebenwirkungen?

Sicher ist: Die Homöopathie ist heute eine der weltweit meistgenutzten Methoden der Alternativmedizin. In Deutschland hat laut einer Statistik des Allensbach-Instituts gut jeder Zweite schon einmal homöopathische Mittel genommen, jeder Vierte ist sogar ein überzeugter Anwender. Der Jahresumsatz mit homöopathischen Mitteln liegt derzeit bei gut zwei Milliarden Euro weltweit, die Arzt- oder Heilpraktikerrechnungen für die Termine in der Praxis nicht eingerechnet.

Das Versprechen der Homöopathie klingt ja auch zu schön: Mit den hochverdünnten Wirkstoffen lassen sich demnach alle denkbaren Leiden loswerden – sanft, ohne Nebenwirkungen und billig. Jeder, der nicht alleine auf einer Insel lebt, kennt die Erfahrungsberichte von Freunden oder Freunden von Freunden, bei denen die Behandlung gewirkt zu haben scheint. Begeistert berichten sie vom Therapieerfolg und von der großen Aufmerksamkeit, die ihnen der Doktor geschenkt hat. Die Gegner dagegen zitieren wissenschaftliche Studien und berufen sich auf den gesunden Menschenverstand: Von nichts kommt nichts, kann nichts kommen

Um diesen Konflikt zu verstehen, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Vor genau 200 Jahren, 1810, erschien das grundlegende Werk des Erfinders der Homöopathie, das Organon der rationellen Heilkunde des Sachsen Samuel Hahnemann. Die meisten Homöopathen halten sich noch heute weitgehend an seine Grundsätze.

Als Hahnemann seine Theorie aufstellte und in Leipzig eine Praxis eröffnete, hatte die klassische Medizin ein Problem: Kranke hatten normalerweise bessere Aussichten, wieder gesund zu werden, wenn sie den Arzt erst gar nicht aufsuchten. Denn die Ärzte baten zum Aderlass, verschrieben brutale Abführmittel, operierten ohne Infektionsschutz und mischten verunreinigte oder giftige Substanzen zu Medizin zusammen, deren Nutzen nicht wissenschaftlich belegt war.

Hahnemann machte sich auf die Suche nach wirksamen Behandlungsmethoden, die möglichst wenige Nebenwirkungen zeigen sollten. Er experimentierte mit verschiedensten Substanzen, die er oft erst einmal an sich selbst ausprobierte. Die aus Peru importierte Chinarinde zum Beispiel löste bei ihm genau jene Fiebersymptome aus, die sie eigentlich bei Malariakranken lindern sollte.

Nachdem er mit anderen Substanzen ähnliche Erfahrungen gemacht hatte, zog er einen folgenreichen Schluss: Die beste Arznei sei diejenige, »welche ein ähnliches Leiden erregen kann, als sie heilen soll«. Auf diesem »Ähnlichkeitsprinzip« beruhen auch traditionelle Heilmethoden anderswo auf der Welt. Hahnemann wäre damit wohl nie in die Geschichte der Medizin eingegangen. Er hatte aber noch eine andere Idee: Um mit seinen teilweise giftigen Arzneien möglichst wenig Leiden zu erregen, verdünnte er sie. Und siehe da: Sie schienen immer noch zu helfen – diesmal ohne negative Nebenwirkungen. Er fügte dem Prinzip der Ähnlichkeit das Prinzip des Verdünnens hinzu

Und als Hahnemann eines Tages eine Fuhre Medizin unsanft auf einem Pferdekarren transportierte und sie anschließend besonders gut zu wirken schien, kam noch ein drittes Prinzip hinzu: Schütteln. Weil die Mittel meist um viele Zehnerpotenzen verdünnt wurden und das Schütteln sie anscheinend so potent machte, nannte er die Kombination von beidem »Potenzierung« – und so heißt sie noch heute.

Hahnemann wurde zu einem der erfolgreichsten Mediziner seiner Zeit. Zur späteren Verklärung trugen aber auch seine Frauengeschichten bei: Mit 80 Jahren und schon kahl heiratete er eine junge Französin und zog mit ihr nach Paris. Dort soll er seinen prominentesten Patienten, den Geiger Niccolò Paganini, schnell wieder verloren haben. Dieser, so geht die Legende, war nicht etwa mit der Therapie unzufrieden, sondern hatte sich respekt- und erfolglos Madame Hahnemann anzunähern versucht.

Die Anziehungskraft seiner Heilmethode aber hat heute ähnliche Ursachen wie damals: Viele Patienten sind von der klassischen Medizin enttäuscht und glauben lieber an die Selbstheilungskräfte von Körper und Geist, die vom Therapeuten und von den homöopathischen Kügelchen nur irgendwie geweckt werden müssen. Bloß wie soll die hochverdünnte homöopathische Medizin wirken, wenn in vielen Globuli kein einziges Molekül des Wirkstoffs enthalten ist?

In Influenzinum etwa, einem Mittel, das gegen Schweinegrippe und alle anderen Grippearten schützen soll, ist bei einer C30-Verdünnung (einer 30-maligen Verdünnung von jeweils 1:100) kein einziges Partikel der Viren enthalten, aus denen die Muttertinktur angeblich gemacht wird. Auch C20-Potenzen von »anas barbariae hepatis et cordis extractum« – einem Extrakt aus Leber und Herz der Wildente –, die ebenfalls gegen Grippe helfen sollen, sind wirkstofffrei – das bestreitet kein Homöopath.

Die Homöopathen haben eine andere Erklärung dafür, warum ihre Arzneien trotz der großen Verdünnung helfen. Sie glauben, dass das Verdünnen und Schütteln die »energetische Essenz« des Wirkstoffs auf die Wassermoleküle überträgt – nach einem Mechanismus, der allerdings noch unbekannt ist. Selbst wenn der Wirkstoff nicht im Wasser enthalten ist, so ihre These, erinnert sich die Flüssigkeit irgendwie daran. Und wenn man Zuckerkügelchen anschließend mit dem Wasser benetzt, werden die magischen Schwingungen des Wassers auf die Globuli übertragen.

Im Jahr 1988 schien tatsächlich der Beweis für das wundersame Gedächtnis des Wassers gelungen. Im Labor des Franzosen Jacques Benveniste hatte eine Mitarbeiterin zufällig ein Allergen extrem verdünnt – und trotzdem reagierten die Blutzellen, die damit behandelt worden waren.

Man wiederholte die Versuche dort immer wieder, mit demselben Ergebnis. Das ehrwürdige Fachblatt Nature veröffentlichte den sensationellen Fund. Allerdings versprachen die Forscher im Gegenzug, unabhängigen Wissenschaftlern den Zutritt zu ihren Labors zu gewähren. Nature lud daraufhin eine Gruppe von Forschern zur Überprüfung ein. Sie fanden heraus, dass alle Experimente von einer einzigen Mitarbeiterin gemacht worden waren. Diese hatte das Experiment nicht »verblindet«, wusste also stets, ob Blutzellen mit der verdünnten Tinktur oder nur mit einer Kontrollflüssigkeit beträufelt worden waren. Als die von Nature eingeladenen Forscher den Versuch verblindet wiederholten, war der Effekt plötzlich verschwunden. Ob absichtlich oder nicht, die Frau hatte das Ergebnis beeinflusst.

Es war also noch immer höchst rätselhaft, warum so viele Menschen von der Heilkraft ihrer Globuli berichteten. Alles nur Einbildung?

Diese Frage lässt sich heute – anders als vor 200 Jahren – recht zuverlässig beantworten: mit sogenannten placebokontrollierten Doppelblindstudien. In diesen Versuchsreihen bekommt ein Teil der Patienten die zu untersuchende Arznei verabreicht, eine Kontrollgruppe schluckt ein Placebo, also Pillen ohne Wirkstoff. »Doppelblind« heißen die Studien, weil weder der Arzt noch die Patienten wissen, wer das Placebo bekommen hat und wer die Arznei. Erst beim Auswerten wird das Geheimnis gelüftet.

Die Wirksamkeit homöopathischer Therapien wurde auf diese Weise vielfach untersucht, inzwischen sind auch zahlreiche Metastudien erschienen, die eine Art Durchschnitt der Einzelstudien bilden. Eine der bekanntesten Metaanalysen veröffentlichte 2005 Aijing Shang von der Universität Bern im Fachblatt Lancet.

Shang und ihre Kollegen hatten 110 Homöopathie-Studien gesichtet. Ihr Ergebnis: Berücksichtigt man nur diejenigen Studien, die wissenschaftlichen Qualitätsstandards genügen, lässt sich kein Unterschied zwischen einer Behandlung mit Placebos und einer Globuli-Therapie feststellen. »Die klinischen Wirkungen der Homöopathie«, resümierten die Forscher, »beruhen auf dem Placeboeffekt.« Andere Metastudien kamen zum gleichen Ergebnis.

Homöopathen reagieren auf solche Untersuchungen sehr unterschiedlich. Man findet Fundamentalisten, Realisten und Pragmatiker. Die Fundamentalisten argumentieren: Klinische Studien sind ungeeignet, um die Wirksamkeit der Homöopathie zu beurteilen, weil diese ja gerade auf einer individualisierten Behandlung beruht. Zwei Patienten mit den gleichen Symptomen bekämen oft unterschiedliche Globuli-Mischungen verschrieben. »Die Studie kann überhaupt keinen Beweis gegen die Homöopathie erbringen«, schimpfte der Schweizer Verein homöopathischer Ärzte nach der Shang-Studie, »weil sie nicht die reale individuelle Homöopathie misst.« Das Gegenargument: Studien lassen sich durchaus so gestalten, dass die individualisierte Therapie berücksichtigt wird. Auch solche Untersuchungen wurden gemacht – und fanden ebenfalls nur Placeboeffekte.

Die Realisten akzeptieren die negativen Ergebnisse, hoffen aber auf die weniger stark verdünnten Arzneien. Wer sich zum Beispiel das homöopathische Mittel Allergin gegen Heuschnupfen unter die Zunge träufelt, nimmt eine D2-Potenz ein, die hundertfache Verdünnung einer Muttertinktur des Indischen Lungenkrauts, das auch unverdünnt als Phytomedizin gegen dieselben Symptome verwendet wird.

Es gibt bislang keine seriösen Studien, in denen hohe und niedrige Potenzen desselben Mittels direkt miteinander verglichen werden. Vielleicht haben die niedrigen Potenzen, die höher konzentriert sind, ja tatsächlich eine Wirkung, die über Placeboeffekte hinausgeht. Nur: Mit der Lehre Hahnemanns hätte diese Medizin nicht mehr viel zu tun. Zudem ist fraglich, ob Mittel wie Arsenicum album ohne klinische Studien in niedriger Potenzierung zugelassen würden – und ob sie noch die erhoffte positive Wirkung hätten.

Und dann gibt es noch die Pragmatiker. Sie freunden sich zunehmend mit dem Gedanken an, dass ihre Therapien in Wahrheit Psychotherapien sind und nicht auf der unerklärlichen Wirkung energetisierter Wassermoleküle beruhen. David Reilly ist einer von ihnen, der Chef eines Homöopathie-Krankenhauses in Glasgow. Er sagte in einem Radiointerview: »Kritikern, die meinen: Das kommt alles nur wegen der mit dem Patienten verbrachten Zeit und der besonderen therapeutischen Beziehung, kann ich nur sagen: Ihr habt absolut recht – und ist das nicht wundervoll?« Diese Haltung, sagt Wolfgang Weidenhammer vom Zentrum für Naturheilkundliche Forschung der Technischen Universität München, werde nicht nur von vielen Homöopathen, sondern generell von immer mehr Alternativmedizinern geteilt.

Auch dieser Ansatz birgt ein Risiko: dass nämlich einem ernsthaft kranken Patienten ein echtes Medikament vorenthalten wird, das nachgewiesenermaßen besser als ein Placebo wirkt. Vor allem die unter Homöopathen weitverbreitete Impfgegnerschaft kann gefährlich werden, wenn Kinder ohne Impfschutz etwa an Masern erkranken. Die Homöopathie hätte dann indirekt eben doch – im schlimmsten Fall tödliche – Nebenwirkungen.

Damit es gar nicht erst so weit kommt, hat eine homöopathisch ausgerichtete Schweizer Klinik eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen, die zum Vorbild für andere werden könnte: In der Clinica Santa Croce in der Nähe von Locarno werden zum Beispiel Krebspatienten oft mit einer Kombination aus Schulmedizin und Homöopathie behandelt. Der reinen Lehre laufen diese Ansätze zuwider, der modernen psychomedizinischen Forschung nicht.

Denn diese versucht nicht nur, den Placeboeffekt optimal zu nutzen, sondern sie betont auch den Wert einer intensiven Beziehung zwischen Patient und Mediziner. Schon Thure von Uexküll, der Begründer der Psychosomatik, bezeichnete den Arzt als »das am häufigsten verwendete Medikament«. Ein Medikament, das noch nicht einmal geschluckt wird, aber trotzdem wirken kann – allerdings nicht in homöopathischer Dosierung.

24.06.2010, ZEIT ONLINE, Richard Friebe

 
 
 
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