Interessantes Schock für den Müsli-Man
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Schock für den Müsli-Man

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Ein Ratgeber zur besseren Orientierung für den täglichen Einkauf – so hatte der Auftrag der britischen Nahrungsmittelbehörde Food Standards Agency (FSA) ursprünglich gelautet. Doch aus der geplanten Verbraucherinformation wurde ein handfester Beleg dafür, dass Biolebensmittel nicht gesünder sind als konventionell erzeugte Lebensmittel.

Die von der FSA beauftragten Wissenschaftler an der London School of Hygiene und Tropical Medicine hatten 162 Studien zu den Inhaltstoffen von biologischen und gewöhnlichen Nahrungsmitteln unter die Lupe genommen – veröffentlicht auf Pub Med, Web of Science und CAB Abstracts im Zeitraum vom 1. Januar 1958 bis zum 28. Februar 2008. Die kürzlich im American Journal of Clinical Nutrition publizierte Untersuchung ist die bislang umfassendste auf diesem Gebiet und unterteilt in zwei Bereiche: Den Vergleich des Gehalts an Inhaltsstoffen und die Erfassung möglicher gesundheitlicher Vorteile durch Biolebensmittel.

Kein gesundheitlicher Benefit

In der Auswertung ihrer Metastudie kam die Forschergruppe zum Schluss, dass es keinen einzigen Beleg für einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen durch Biolebensmittel gibt. Der Studienleiter Dr. Alan Dangour sieht »derzeit keinen Anhaltspunkt, um Biolebensmittel auf Grund einer nährwerttechnischen Höherwertigkeit zu empfehlen«. Denn biologisch und konventionell erzeugte Produkte unterscheiden sich so gut wie nicht: »Ökologische und gewöhnliche Lebensmittel haben weitgehend vergleichbare Inhaltsstoffe«, so die britischen Wissenschaftler in ihrem Fazit. Das gilt für pflanzliche ebenso wie für tierische Lebensmittel. Beim Gehalt an Vitamin C, Kalzium, Eisen und elf anderer ernähungsphysiologisch bedeutsamer Inhaltsstoffe gibt es keine Unterschiede zwischen bio und nicht-bio. Einzig bei den Stickstoff- und Phosphorwerten gab es Abweichungen. So waren die Konzentrationen an Stickstoff in gewöhnlichen Produkten höher als in ökologischen. Was wenig verwundert, da der Verzicht auf mineralische Stickstoffdünger schließlich ein Charakteristikum des ökologischen Landbaus ist. Weiter fand das Team um Dr. Dangour einen etwas höheren Phosphorgehalt in Bioprodukten. Dieser Unterschied war allerdings so geringfügig, dass er nach den Worten des Studienleiters »lediglich den Geschmack verändert, jedoch keine gesundheitlichen Auswirkungen besitzt«.

Kaum Argumente für »besser bio«

Die Studie soll laut FSA kein Plädoyer für oder gegen Bio sein. Anliegen sei es lediglich, den Verbrauchern akkurate Informationen für ihre Kaufentscheidung an die Hand zu geben, so die Konsumentenbeauftragte der britischen Nahrungsmittelbehörde, Gill Fine.
Dennoch dürften die aktuellen Befunde aus London für all jene schwer zu verdauen sein, die der Biobranche jährlich um rund 15 Prozent steigende Umsätze bescheren – im festen Glauben, ihrer Gesundheit etwas Gutes zu servieren. Immerhin ist das Bio-Label für 81,9 Prozent dieser Konsumenten gleichbedeutend mit gesünderer Ernährung, wie die Wirtschaftsberater Ernst & Young vor einem Jahr in einer Umfrage herausfanden. Auch den Erzeugern von Bioprodukten wird es auf den Magen schlagen, dass die hartnäckig vertretene »Mangelthese« – konventionelle Nahrungsmittel böten weniger Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente – nun widerlegt wurde.

Zumal es sich dabei keineswegs um ein Novum handelt. Denn die britischen Wissenschaftler haben mit ihrer Metastudie schlicht erneut belegt, was seit Jahren immer wieder festgestellt wird. So notierten beispielsweise die Bundesforschungsanstalten bereits 2003 in ihrem Statusbericht »Bewertung von Lebensmitteln verschiedener Produktionsverfahren«, dass »es keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür gibt, dass der ausschließliche oder überwiegende Verzehr von ökologisch erzeugten Lebensmitteln direkt die Gesundheit des Menschen fördert«. Zu den gleichen Ergebnissen kamen Untersuchungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG). Dito die Stiftung Warentest im September 2007: Bei ihrem Vergleich von biologischen mit konventionellen Nahrungsmitteln fanden die Verbraucherschützer »in der Summe kaum Qualitätsunterschiede«.

Die Buhrufe aus dem Öko-Lager lassen selbstverständlich nicht auf sich warten. Befürworter wie Hersteller der Biokost bezweifeln zwar nicht die Erkenntnisse aus der Metastudie. Indessen bemängeln sie die aktuell verfügbare Datenlage: Bislang fehle es an groß angelegten und langjährigen Studien, um eine gesicherte Aussage über die Qualität von Biolebensmitteln zu machen. Dessen sind sich auch die britischen Wissenschaftler bewusst. Dr. Dangour weist die Kritik entsprechend nicht zurück. Für eine bessere Evidenz fordert er ebenso weitere und tiefer gehende Studien. Dass diese die Befunde der FSA-Studie untermauern, davon gehen die meisten Experten allerdings bereits heute aus.

 

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Literatur:
Dangour A. et al.
Nutritional quality of organic foods: a systematic review. American Journal of Clinical Nutrition; 2009, Vol. 90, No. 3, 680–685
Tauscher, B. et al. Bewertung von Lebensmitteln verschiedener Produktionsverfahren – Statusbericht 2003, vorgelegt vom Senat der Bundesforschungsanstalten

 

von Dipl. biol. Birgit Frohn,  09.09.2009

 

 
 
 
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