Homöopathie Ein Mangel an Beweisen
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Ein Mangel an Beweisen

 

Wissenschaftliche Studien haben Mühe, die Erfolge der Homöopathie zu belegen

Der Patient verlangt viel. Die Medizin soll maximale Gesundheit herstellen, bei minimalen Nebenwirkungen. Und dabei hat der Kranke Prioritäten: Zunächst sollen die Symptome verschwinden, dann der marode Körper wieder auf die Beine gestellt und beiläufig auch noch die emotionale und psychische Verfassung verbessert werden. Die Homöopathie nimmt für sich in Anspruch, alle Ziele gleichzeitig anzugehen – und damit erfolgreich zu sein.

Immer wieder haben Wissenschaftler diese drei Aspekte der homöopathischen Behandlung geprüft, mit wechselhaften Ergebnissen. „Wir sehen sehr merkwürdige und widersprüchliche Resultate“, sagt Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München. In der Vergangenheit seien die produzierten Studien häufig angreifbar gewesen. Das habe zum Teil daran gelegen, dass die beteiligten niedergelassenen Ärzte nicht an einer Hochschule arbeiteten, ihnen fehlte das statistische Rüstzeug für eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung. Heute gehen die Studien häufiger von den Hochschulen aus. „Und je besser sie werden“, sagt Klaus Linde, „desto weniger deutlich ist der Erfolg der homöopathischen Behandlung.“

Besonders inkonsistent sind die Untersuchungen, die den direkten Erfolg einer homöopathischen Behandlung auf ein Leitsymptom wie zum Beispiel Kopfschmerzen nachweisen wollen. In der Münchner Kopfschmerzstudie, finanziert von der Karl und VeronicaCarstens-Stiftung, wurden 98 Patienten mit chronischen Kopfschmerzen beobachtet. Erst untersuchten die Ärzte sie nach allen Regeln der homöopathischen Heilkunst, dann erhielt die eine Gruppe zwölf Wochen lang ein Placebo, die anderen bekamen individuelle homöopathische Arzneien verordnet. Das überraschende Resultat: Den Probanden der Placebogruppe ging es nach den drei Monaten besser als jenen der Homöopathiegruppe. Nach einem Jahr hatte sich das Bild verändert. 18 Patienten führten über diesen Zeitraum ein Kopfschmerztagebuch. Allen ging es besser – unabhängig davon, zu welcher Gruppe sie gehörten.

Vielleicht hat die Homöopathie zumindest einen positiven Effekt auf die Lebensqualität. Wissenschaftler der Berliner Charité waren diesem Gesundheitsziel mit einer der größten Erhebungen in Sachen Homöopathie auf der Spur. Sie beobachteten zwei Jahre lang rund 4000 Patienten, die von 103 klassisch ausgebildeten homöopathischen Ärzten betreut wurden.

Die zumeist chronisch Kranken hatten meist schon langwierige, fruchtlose Versuche der konventionellen Therapie hinter sich. Tatsächlich sank die Intensität ihrer Beschwerden im Beobachtungszeitraum auf einer Skala von 1 bis 10 von durchschnittlich rund 6 Punkten auf 2 Punkte. „Das Studiendesign“, schreiben die Autoren, „lässt es jedoch nicht zu, dies im Sinne eines Wirksamkeitsnachweises alleinig der homöopathischen Behandlung zuzuschreiben.“ Die Patienten durften nämlich nebenbei auch konventionelle Pharmazeutika schlucken – und taten dies auch. Immerhin benötigten die Patienten weniger Medikamente und suchten seltener andere Fachärzte auf. Gleich welche objektiven Auswirkungen die Homöopathie auf die Krankheit hatte, die Behandelten waren offenbar zufriedener mit ihrer Wahl. Schließlich durften sie auch bei der ersten Konsultation mit dem Arzt im Schnitt 117 Minuten lang ihre Beschwerden schildern – so lange wie wohl nie zuvor. Nicht untersucht wurde indes, ob sich die Wendung zum Besseren nicht auch ganz ohne ärztliche Betreuung eingestellt hätte.

Wie wichtig eine gelungene Arzt-Patient-Kommunikation für die Akzeptanz der Therapie ist, zeigte auch eine Untersuchung aus dem Glasgower Homöopathie-Hospital. Dort hatten 200 Patienten vier verschiedene Ärzte konsultiert und durften anschließend ihre Erfahrungen auswerten. Entscheidend für den Heilerfolg waren weder die positiven Erwartungen des Patienten an eine homöopathische Behandlung noch die Überzeugtheit des Arztes von seiner Therapie, sondern die Empathie. Je mitfühlender der Patient seinen Arzt empfand, desto besser ging es ihm anschließend.

Von Harro Albrecht

Quelle (c) DIE ZEIT 03.06.2004 Nr.24

 
 
 
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